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CAD Bangalore

Mit dem Format der Citizen Art Days (CAD) erprobt die Berliner Künstlergruppe Parallele Welten (Stefan Krüskemper, María Linares, Kerstin Polzin) neue Beteiligungsformen für und mit der Gesellschaft. Im Fokus stehen dabei die kreativen Potentiale von Bürgern, Stadtakteuren und Künstlern zur Formung des gemeinsamen Öffentlichen.

Im Rahmen des Interim Semesters an der Srishti School of Art, Design and Technology erforschten Parallele Welten 2013 in Bangalore, Indien gemeinsam mit Studierenden die Sphären des Öffentlichen mittels künstlerischer Strategien. Drei Themenfelder bildeten den Fokus der Untersuchungen: Ökonomie, Miteinander und Nachhaltigkeit.

Die entstandenen Projekte der Studierenden und ihrer Partner wurden vom 5. – 6. Dezember 2013 am Rangoli Metro Art Center, MG Road in Bangalore präsentiert und diskutiert.

Mit Projekten von: Shrujana Niranjani Shridhar, Shradha Goenka, Sheona Joy Daniel, Ritobroto Sinha Chattopadhyay, Pranav C Raman, Samrudhii Prashant Palshetkar, Achala B Athreya, Madhul Blossom Singh, Anusha Sharma, Aditi Goyal, Suraj Kiran Baadkar, Arushi Arun Sethi, Meghna Saha, Taarika Ravi John, Musharraf Shahid Shaikh, Vivek Sajjan Sangwan, Anushka Rajesh Menon, Devika Ashok Shah, Gaurav Patil, Ishita Sharma, Shreya Bhatia, Lakshmi M R, Thanik Jaganath, Pramod Pai, Monika Shrivastava, Rachana Vinay Haldikar, Kopal Joshy, Shail Suneja, Shoumik Biswas


Projektbericht
Bangalore Public Spaces

Im letzten November waren wir, die Berliner Künstlergruppe Paralelle Welten, das sind Stefan Krüskemper, María Linares und Kerstin Polzin, für ein einmonatiges Interimsemster an die Srishti School of Art, Design and Technology in Bangalore, Indien. Parallele Welten waren eingeladen die Citizen Art Days, ein in und für Berlin entwickeltes Langzeitprojekt, zusammen mit Studierenden im öffentlichen Raum von Bangalore durchzuführen.

Die Citizen Art Days fanden in der Vergangenheit im Februar 2012 im Freien Museum und im Oktober 2013 in der Markthalle Neun in Berlin Kreuzberg für jeweils eine Woche statt. Eingeladen waren europäische, internationale und Berliner Künstler sowie Stadtakteure zusammen mit interessierten Bürgern mittels künstlerischer Strategien öffentliche Räume in Berlin zu untersuchen und im aktiven Austausch kreative Formen der Partizipation zu entwickeln. Die Citizen Art Days suchen die Verbindung von Kunst und Alltagspraxis, um gesellschaftliche Beteiligungspotentiale freizusetzen und kooperative Handlungsoptionen auszuloten. Hierfür bieten Abend- und Wochenworkshops, Vorträge, Diskussionen sowie Stadterkundungen und Aktionen rund um die Themen Ökonomie, Nachhaltigkeit und Miteinander im öffentlichen Raum den Rahmen.

Stadtexkursion
Srishti School of Art, Design and Technology

Die indische Srishti School zählt zu den progressivsten und renommiertesten Kunst- und Designschulen in Asien. Für die Studierenden wurde 2003 das interdisziplinäre Srishtinterim entwickelt, um die Zusammenarbeit der Fakultäten zu fördern. Der Fokus des Interim liegt auf der Kollaboration mit externen Projektpartnern sowie der Einbeziehung des Stadtraums.

Bangalore früher bekannt als »Gartenstadt« avanciert heute durch die Überbevölkerung und den neugeschaffenen Industrien zu den am höchsten umweltbelasteten Städten der Welt. Die sozialen Entwicklungen aufgrund von Landflucht, Trockenheit sowie das nicht zu kontrollierende täglich Müllaufkommen, der Ausbau eines Metro- und Straßennetzes, dem schon die Hälfte der Bäume zum Opfer gefallen sind, die hohe Luftverschmutzung und der täglich morgens und abends vorprogrammierte Verkehrsstau sind die besonderen alltäglichen Belastungen, die den Menschen in Bangalore das Leben schwer machen.

Strassenszene in Bangalore

Citizen Art Days

Die Frage nach den Arbeitsbedingungen im Schatten eines an exponentiellem Wachstum ausgerichteten Wirtschaftssystem, die damit immanent verbundene Frage der Nachhaltigkeit sowie die dringende Frage des Miteinanders im sozialen Gefüge eines Landes, in dem immer mehr Empörung und Protest gegenüber dem alten patriarchalischen Indien Stimme finden, waren die thematischen Schwerpunkte der Citizen Art Days in Bangalore.

Als Veranstaltungsort entschieden wir uns gemeinsam mit den Studierenden für das seit erst neun Monaten existierende Rangoli Metro Art Center (RMAC) im Zentrum der Stadt. Die international bekannte Künstlerin Surehka, die in Bangalore schon viele partizipatiorische Projekte durchgeführt hat, zeichnet sich für die Konzeption des Ortes, die Kuration und Koordination der diversen Kunst- und Bildungsprojekte in Kooperation mit der Metro Bangalore verantwortlich. Das RMAC, mit seinen Freiflächen, einem »Friendship point«, Kinderspielplätzen, seinem gut ausgestatteten Auditorium und dem Platz für Demonstrationen, ist einer der wenigen Treffpunkte in Bangalore an denen Formate des Öffentlichen entwickelt werden und kulturelle Netzwerke wachsen können.

Das von den Studierenden entwickelte Programm beinhaltete Workshops, Vorträge, Gespräche, Videos, Kunstaktionen und Installationen. Vier der insgesamt dreizehn Projekte möchten wir beispielhaft vorstellen.

Das Video »Autonomics« von Musharraf Shahid Shaikh und Vivek Sajjan Sangwan setzte sich mit den Arbeitsbedingungen von Autorickshaw-Fahrern auseinander und gab denjenigen eine Stimme, die sonst nicht zur Sprache kommen und eher oft in der Kritik von Nutzern stehen, die die Gestaltung der Preise als eine Verhandlungssache nicht nachvollziehen können. In das Auditorium des RMAC wurden zur Filmpräsentation die mitwirkenden Autorickshaw-Fahrer für ein anschließendes Gespräch mit dem Publikum eingeladen.

Die Citizen Art Days setzen sich für eine Kunst ein, die nicht nur im öffentlichen Raum stattfindet sondern sich mit dem öffentlichen Raum und dessen Bedingungen als Ort sozialer Kommunikation und demokratischer Prozesse auseinandersetzt, sich dementsprechend einer konkreten Gemeinschaft widmet und kooperative Strategien einschließt. Modellhaft dafür wurde das Projekt »Organic Farming« von Pramod Pai, der als Projektpartner Experten der bangalorischen Nachhaltigkeitsszene einlud, sich in einem »öffentlichen Wohnzimmer« mit Passanten zu unterhalten und Erfahrungen über urban gardening auszutauschen. Kleine Tipps, große Ideale und profane Wege wurden visualisiert und besprochen.

»Autonomics« - Musharraf Shahid Shaikh, Vivek Sajjan Sangwan
»Organic Farming« - Pramod Pai
»The Man Box« - Shrujana Niranjani Shridhar, Christine Lungalnag, Thanik Jaganath

Zu der behandelnde Fragestellung des Miteinanders in einem patriachalen und zugleich vom Männerüberschuss überforderten Land gehört unausweichlich die Frage nach der Diskriminierung von Frauen und Gewalt gegen Frauen. Der Überzeugung folgend, dass sexuelle Belästigung insbesondere durch die prophylaktischen Arbeit mit Männern ein Ende finden kann, thematisierte der Workshop »The Man Box« von Shrujana Niranjani Shridhar, Christine Lungalnag und Thanik Jaganath mit Jungen im Alter zwischen 10 und 14 Jahren, die Identitätskonstruktion von Männern.

Das Projekt von Anushka Rajesh Menon »To Bangalore, with love«, thematisierte mit einer einfachen Aktion alle drei Schwerpunkte. Passanten wurden eingeladen, die Zeichnung der eigenen Handkontur mit den Zeichnungen der Handkonturen von anderen Bürgern zu verbinden und die folgenden Fragen zu beantworten: Was gefällt mir an der Stadt? Was gefällt mir nicht? Und wie könnte das, was mir nicht gefällt, verändert werden? Freiwillige, die ihre Emailadresse hinterließen, sind nun nach thematischen Übereinstimmungen eingeladen, Kontakt aufzunehmen, um an ihren Vorschlägen gemeinsam zu arbeiten.

Berlin - Bangalore - Berlin

Was unterscheidet nun Berlin und Bangalore? Was haben wir als Berliner Künstler mitgenommen? In vielen Gesprächen ist uns das Bedürfnis nach demokratischen Repräsentationsformen im öffentlichen Raum, nach künstlerischen Strategien und Ausdrucksmitteln als Gegenbewegung zu den konservativ hierachischen Gesellschaftsstrukturen aufgefallen. Aufgrund der Heterogenität der Gesellschaft, der Kultur-, Religions- und Sprachenvielfalt sowie der Divergenz politischer Gruppierungen, stoßen Aktionen in der Öffentlichkeit aber schnell auf Widerstände, wie sie in Deutschland eher unbekannt sind. Kunstaktionen im öffentlichen Raum werden trotz einer grundlegenden Atmosphäre der Toleranz in Indien schnell existentiell, wie die Aktionen der Initiative Blank Noise, die sich für die Eroberung öffentlicher Räume für Frauen einsetzt, beispielhaft zeigen.

Auf den Strassen von Indien finden bis auf intime zärtliche Berührungen von Mann und Frau alle nur denkbaren alltäglichen privaten Handlungen vom Waschen des Körpers bis hin zum Sterben statt. Kraftvoll und lebendig sind die unzähligen traditionellen Formen einer kulturalisierten Religion, die das Stadtbild sichtbar prägen. An diese Tradition des Temporären anknüpfend finden sich politische Umzüge wie die »Bangalore Pride« oder Festivals, wie das von Stadtaktivisten und Künstlern wie Deepak Srinivasan in diesem Februar initiierte »Neralu Tree Festival«.

Das klassische Spiel europäischer Städte von Straßenraum und Platz ist in Bangalore selten anzutreffen. Dort, wo Parks und Plätze neu geschaffen wurden und die Möglichkeit des entspannten Verweilens böten, sind sie mit hohen Zäunen und nicht nachvollziehbaren Schließzeiten extrem kontrolliert und überreguliert. Neben den wenigen Repräsentationsskulpturen eines vergangenen Jahrhunderts ist kaum Kunst im Öffentlichen Raum zu finden. Ein System wie das percent for the arts existiert nicht. Umso mehr rücken public art Projekte mit Unterstützung einzelner Institution, wie des Goethe-Instituts/ Max Mueller Bhavan, oder Projekte der Alternativkultur, wie Jaaga, ein experimentelles Kunst und community center, in den Vordergrund.

Von Künstlern initiierte Projekträume wie Samuha und Bar1 haben in den letzten Jahren engagierten Projekten und jungen Künstlern mit wenig Budget eine Chance gegeben mit Ihrer künstlerischen Arbeit sichtbar zu werden. Leider sind die teuren Mieten im Stadtzentrum und der Mangel an öffentlichen Förderprogrammen auf lämgere Sicht das Aus für solche Experimente. Das in Indien ausgezeichnete Projekt Jaaga zieht zur Zeit an die Peripherie um, weil es vom Besitzer des Grundstückes gekündigt wurde und kein Ersatz im Zentrum findet. Hier spiegeln die derzeitigen Entwicklungen in Bangalore geradezu die immer schwieriger werdenden Bedingungen für Künstler und Projekträume in Berlin.

Rangoli Metro Art Center

Öffentliche Räume wie das RMAC lassen den Berliner erblassen. Statt der lapidaren Bereitstellung von ökonomisch nicht nutzbaren Werbeflächen der Berliner U-Bahn, bietet die Metro Bangalores in zentraler Lage einen kuratierten Kunst-Boulevard entlang des Hochviadukts für partizipatorische Kunstprojekte. Es fällt im Angesicht dessen schwer die Stadt Berlin nicht provinziell in ihrer Haltung zur sozial engagierten Kunst im öffentlichen Raum zu finden. Die mögliche Chance einer Modernisierung dieses in die Jahre gekommenen Berliner U-Bahn Konzepts wurde übrigens vor wenigen Jahren von der NGBK als Träger verspielt, als ein offener Wettbewerb zur Neukonzeptionierung, der tatsächliche Änderungsvorschläge hervorbrachte, gestoppt wurde.

Welche Überzeugungskraft eine Kunst entfalten kann, die die Nachbarschaft partnerschaftlich einbindet und kontinuierlich im Lokalen wurzelnde Projekte fördert, lässt sich am RMAC in Bangalore studieren. Reisen bildet. Partizipatorische Kunst und citizens art brauchen auch in Berlin einen festen Stellenwert der international eine Bedeutung hat und dem Anliegen der demokratischen Mitgestaltung einen angemessenen Raum gibt.

Stefan Krüskemper, María Linares, Kerstin Polzin

Artikel erschienen in Stadtkunst Kunststadt

Weiterführendes zum Thema:
Interview mit Meena Vari
Interview mit Deepak Srinivasan
Interview mit Surekha

Externe Links:
Srishti School of Art, Design and Technology - www.srishti.ac.in 
Rangoli Metro Art Center - http://rangoli.bmrc.co.in